Heiner Hiltermann, Journalist und Autor

 

Nirgends sonst kommt man mit der indischen Bevölkerung so innig in Berührung wie beim Zugfahren. Die Abteile sind grosszügig für sechs Passagiere bemessen. Man sitzt sich auf zwei Bänken gegenüber und hat im Fussraum genügend Platz. Nachts wird die Rückenlehne der Sitzbank zum Bett hochgeklappt und an Ketten aufgehängt. Die oberen Ablagen links und rechts ergeben Bett Nummer fünf und sechs. Alle Betten sind etwa gleichgross, 80 Zentimeter breit, 200 Zentimeter lang.

Man findet schnell Zugang zu seinen Mitreisenden, die Inder sind kontaktfreudig. In allen Abteilen wird geredet, und weil sich jeder Gehör verschaffen will, geht es entsprechend laut zu. Sie wollen bald einmal wissen, woher man kommt, wohin man fährt, wie man Indien findet. Auf unserer ersten Fahrt von Varanasi nach Gaya hatten wir fünf Stunden lang sehr anregende Gespräche mit einem Baustoffhändler aus Jarkhand und einer Studentin aus Bengalen. Die Zeit verging wie im Flug.

Es kann aber auch anders kommen, wie auf unserer zweiten Nachtfahrt von Jhansi nach Bombay. Da sind wir mit einer bräsigen indischen Familie zusammengesperrt, die mindestens so arrogant ist wie fett. Sie haben sich schon breit gemacht als wir zusteigen und machen nur widerwillig Platz. Sohn und Tochter erledigen Hausaufgaben, Vater und Mutter blicken böse aus Schweinsäuglein an uns vorbei. Von uns wollen sie nichts wissen.

Um uns herum herrscht reges Treiben, wie immer im Zug. Chai Wallahs preisen ihren süssen Tee, untermalt vom ewigen Rattern der Eisenräder und Klappern der Fensterläden, die immer mal wieder mit einem lauten Knall herunterfallen. Verkäufer mit Samosas laufen durch die Gänge, Popcorn-Händler, solche mit Getränken, in wassergefüllten Eimern kühl gestellt. Junge Männer verkauften Kinderspielzeug, Malbücher, Ohrringe, Haarklammern und was man sonst noch alles auf einer langen Zugfahrt brauchen könnte. Irgendwann kommt der erste Bettler, schon von weitem an seinem Stock erkennbar, mit dem er bei jedem Schritt auf den Boden klopft. Ein herrischer Blick der Mutter zu ihrer Tochter: Die öffnete sofort ihr Handtäschchen und zieht eine Rupie hervor. Ohne den Bettler anzusehen, lässt die Mutter das Geld in dessen geöffnete Hand fallen. Ein zweiter Bettler windet sich über den Boden, eine Mutter trommelt, ihren Säugling an der Brust, die vielleicht fünfjährige Tochter bietet dazu Kunststückchen und zwängt sich durch einen engen Metallreifen, ein blinder Sänger gibt seine Darbietung. Jeden Bettler bedient die Mutter gleich, mit der selben verachtenden Handbewegung. Zwischendurch holt sie ein Säckchen mit Münzen hervor, um die Handtasche ihrer Tochter wieder aufzufüllen. Zehn Rupien vielleicht spendet sie, umgerechnet 13 Eurocent. Und sie ist unglaublich stolz auf ihre Grosszügigkeit. Wahrscheinlich rechnet sie im nächsten Leben mit noch mehr Wohlstand. Doch wenn die Hindugötter gerecht sind ...

Am Morgen ist die Familie verschwunden, irgendwann in der Nacht hat sie ihr Ziel erreicht. Das Abteil ist trotzdem nicht leerer geworden, im Gegenteil. Zu fünft, zu sechst drängen sie sich auf den Bänken, der Gang ist überfüllt und selbst im Fussraum liegt ein Mann ausgestreckt und schläft. Wann sind die alle eingestiegen? Und haben die alle ein Ticket für diese sogenannte Sleeper-Klasse? Zugegeben, die ist nicht gerade teuer, gerade eine Stufe über der billigen Holzklasse. Den Schaffner kümmern die Leute nicht, der kontrolliert nur unser Ticket. Vermutlich wollen die nur in die nächste Stadt und nutzen die erstbeste Gelegenheit am ganz frühen Morgen.

Etwas später ist der Spuk vorbei, ein alter Mann sitzt gegenüber und strahlt uns an. Sein Enkel turnt um uns herum, gar nicht scheu. Bald sind auch Tochter und Schwiegersohn bei uns und es beginnt eine Unterhaltung mit Händen und Füssen. Sie wollen natürlich wissen, woher wir kommen und finden Germany dann ganz toll. Ein Anwalt aus Kerala hilft bei der Verständigung, obwohl auch er Hindi nur sehr schlecht versteht und das Marathi unserer Mitreisenden schon gar nicht. Bis die ganzen verwandtschaftlichen Verhältnisse geklärt sind, sind wir im Mumbai. Die fünf Stunden Verspätung sind uns gar nicht so lang vorgekommen.

Dass es die Inder mit den Reservierungen nicht so genau nehmen, sehen wir bei der nächsten Fahrt von Mumbai nach Goa. In Dardar, einem Vorort der Millionenstadt steigt eine Grossfamilie zu und reklamiert unsere Sitze. Unser Gegenüber klärt schnell die Situation: Wir sitzen richtig, die Familie aber hat Plätze über den ganzen Waggon verstreut. Sie wollen auch nach Goa, zu einer Hochzeit und sind entsprechend aufgekratzt. In den 14 Fahrstunden sitzen alle einmal bei uns im Abteil. Irgendwann zeigt Melli Familienfotos, die vor allem die Frauen und Töchter begeistern.

Zwei der Männer – Onkel? Vater? – entpuppen sich als eingefleischte Sai Baba-Fans. Einer holt sein Notebook hervor und zeigt endlos Fotos und Videos und will uns überreden, doch auf jeden Fall nach Puttaparthi zu fahren, ins Zentrum des Sai Baba-Kults. Aber hilfsbereit ist er auch: Als wir nach Fahrmöglichkeiten in die abendliche Innenstadt von Margao, unserem Zielort fragen und über die ständig überteuerten Taxipreise klagen, telefoniert er schnell mit seinem Schwager, der die Familie am Gleis abholt und informiert uns dann über Pre Paid Taxis. Dass wir später auch die für überteuert halten, dafür kann er ja nichts.

Die Bahnhöfe sind auch immer wider für eine Überraschung gut. Die Eingangshallen sind regelmässig überfüllt, viele Passagiere haben sich auf dem Boden ausgestreckt, um die Wartezeit für den Anschlusszug schlafend zu überbrücken. In Varanasi gibt es einen Warteraum extra für Touristen, die Leute dort sind sehr hilfsbereit. Dass der Nachtzug nach Khajuraho auf einem anderen Gleis abfährt als auf der Anzeigetafel angekündigt, wissen aber auch sie erst fünf Minuten vor der Abfahrt. Ein bisschen Hektik ist immer dabei. In Gaya und Jhansi suchen wir so eine Information vergeblich. Gott sei Dank hilft ein katholischer Priester weiter, der drei Nonnen auf den gleichen Zug bringt. Unser Staunen aber weckt Mumbai: Der Chhatrapathi Shivaji Terminal, kurz CST, gilt als grösster Bahnhof in Asien. Er hat wirklich eine gehörige Ausdehnung. Aber er ist perfekt organisiert. Wir finden sofort unser Gleis. Und als Melli dem Frieden nicht traut und sich noch einmal vergewissern will, ob wir wirklich in den richtigen Zug einsteigen, steht sofort eine hilfsbereite Frau von der Touristenorganisation bereit. Da wo wir das grösste Chaos erwartet hatten, herrscht grosse Übersichtlichkeit; In Gaya dagegen, einem Kleinstadtbahnhof, realisieren wir erst nach einer Weile, dass wir in der falschen Halle auf die Anzeigetafel starren. Hier ist nur der Ticketschalter. Die Züge fahren 50 Meter weiter links ab. Erstaunlich, dass bis jetzt alles geklappt hat.

Text: © Copyright Heiner Hiltermann, Fotos: © Copyright Heiner Hiltermann und Melli Fleig